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Die Meute der Mórrígan

Story:
Eigentlich soll der zehnjährige Pidge nur einige Einkäufe für seine Tante erledigen. Aber da ist dieses neu eröffnete Antiquariat, in dem der Junge auf ein altes Manuskript stößt. Seither häufen sich die merkwürdigen Ereignisse. Schilder am Straßenrand fordern Pidge dazu auf, mit geschlossenen Augen Fahrrad zu fahren. Ein verdrehter Wegweiser lotst ihn beinahe in den gefährlichen Wald. Oder zwei Frauen auf Motorrädern fahren ihn und seine kleine Schwester Brigit fast über den Haufen.

Denn auf eine der alten Seiten hat vor langer Zeit der Heilige Patrick höchstselbst den "bösen Grünen", genannt Olc-Glas, gebannt. Jetzt sieht jemand die Chance gekommen, Olc-Glas zu befreien und seine Bosheit der eigenen hinzuzufügen: Die Mórrígan, die große Königin, die Göttin des Krieges, des Todes und des Leids. Sie hetzt ihre Meute auf die Fährte der beiden Kinder, die vor nichts zurückschreckt, um an das Manuskript zu gelangen. Sollte es ihnen gelingen und die Mórrígan sich die Bosheit von Olc-Glas einverleiben, würde sie so machtvoll, dass die gesamte Schöpfung bedroht wäre. Aber Pidge und Brigit erhalten Hilfe von unerwarteter Seite. Den beiden stehen viele Abenteuer bevor...

Meinung:
Man stelle sich eine Familienfeier vor, Weihnachten, eine Hochzeit, es könnte auch eine Beerdigung sein. Der formelle Teil ist vorbei, die Familie hat sich knisternden Kaminfeuer versammelt. Die Kinder bestürmen den Großvater, doch bitte, bitte, bitte eine Geschichte. Nach einigem Betteln nimmt der alte Mann das Kleinste auf die Knie, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und beginnt zu erzählen.

Dieses Bild beschreibt "Die Meute der Mórrígan" eigentlich vollumfänglich. Pat O'Shea erinnert oft an Größen der Erzählkunst wie Terry Pratchett, Tad Williams oder Peter S. Beagle. Sie mag diese Vorbilder zwar nicht immer ganz erreichen, aber ihr Roman ist in doppeltem Wortsinne ein wunderbares Garn. Doppelt deshalb, weil die Geschichte nicht nur sehr schön erzählt ist, sondern auch starke Anleihen in der keltischen Mythologie macht. Die Mórrígan "gibt" es in diesem Sinn tatsächlich, ebenso ihre beiden Schwestern Macha und Bodbh, mit denen sie eins ist, der Olc-Glas, der Dagda, die sieben Maines und viele mehr. O'Shea modernisiert diese Gestalten nur sehr behutsam. Macha und Bodbh beispielsweise fahren dicke Motorräder und nennen sich Melody Mondlicht und Breda Ekelschön. Aber sie wirken nichtsdestoweniger wie Gestalten, für die unsere heutige Zeit nur eine Epoche unter vielen ist, die völlig unabhängig von dieser "Inkarnation" existieren und morgen, wenn es ihnen in den Sinn kommen sollte, eine ganz andere Gestalt annehmen könnten. Gleichzeitig zeichnet die Autorin auch und gerade die übernatürlichen Wesen regelrecht menschlich. In dieser Hinsicht fühlt man sich an Hayao Miyazakis Anime-Meisterwerk "Chihiros Reise ins Zauberland" erinnert.

Eine zweite Eigenschaft wird schnell deutlich: "Die Meute der Mórrígan" ist langsam. O'Shea nimmt sich alle Zeit, die ihre Geschichte braucht. Viele anderen Romane halten ihre Leser nicht zuletzt dadurch bei der Stange, dass sie ihnen keine Zeit zum Durchatmen geben und die Ereignisse unablässig auf sie einprasseln lassen. Das ist hier ganz anders, von Eile oder Hektik kann keine Rede sein. Wer die "schnelle Erzählweise" gewohnt ist, wird sich in diesen Roman erst einmal einfinden müssen. Aber die Mühe lohnt sich, und etwas mehr Gelassenheit und "Entschleunigung" ist in der Adventszeit ohnehin nicht fehl am Platz.

Trotzdem ist die Geschichte alles anderes als langatmig und spannungsarm. Gerade O'Sheas ausführlicher Blick auf ihre Figuren trägt dazu bei, dass man sich als Leser mit ihnen verbunden fühlt. Es ist, als würde man mit Pidge und Brigit durch die magischen Welten wandern, immer die Angst vor den Hunden der Mórrígan im Nacken, und ohne so recht zu wissen, wohin der Weg eigentlich führen soll. Aus dem Ungleichgewicht der Kräfte zieht der Roman einen weiteren großen Teil seiner Intensität. Die Macht der drei Schwestern, die eine sind, ist ohnehin fast unbegrenzt, und die paar Regeln, an die sie sich eigentlich halten sollten, brechen sie mit diebischer Freude. Was sollten ein zehnjähriger Junge und ein fünfjähriges Mädchen dem schon entgegensetzen können? Ihre Unterstützer können sie nur hin und wieder retten, wenn die Verfolger zu nahe kommen, und der Anzahl dieser Hilfsaktionen setzt die Autorin auf geschickte Weise Grenzen. Dieser Aspekte könnte durchaus aus einem europäischen Märchen stammen, ist möglicherweise sogar von dort inspiriert.

Man merkt der Geschichte an, dass die Autorin viel Zeit in sie investierte. Die 1931 geborene Patricia Mary Shiels O'Shea wuchs als jüngstes von fünf Geschwistern in der irischen Grafschaft Galway auf, wo auch "Die Meute der Mórrígan" spielt. Ihre Liebe für die Landschaft, in der sie ihre Kindheit und Jugend verbrachte, merkt man dem Roman sehr deutlich an. Später zog O'Shea ins englische Manchester und versuchte sich als Autorin für Theater und Fernsehen. Das führte jedoch nicht zum Erfolg, ebenso wenig wie die Arbeit an einer ganzen Reihe von Projekten, von Kurzgeschichten über Gedichte bis zu einem unveröffentlichen Comic-Roman. Etwa 1969 begann sie an "The Hounds of the Mórrígan" zu schreiben, vor allem sich selbst und ihrer Familie und Freunde zur Freude, ohne wirkliche Hoffnung auf eine Veröffentlichung.

1982, über ein Jahrzehnt später, war das Buch zu etwa zwei Dritteln fertig, und die Autorin entschied sich doch, es an einige Verleger zu schicken. Darunter war auch Oxford University Press. Die Antwort des Universitätsverlags war, "Vollende das Buch, dann veröffentlichen wir es". 1985 war es dann soweit, und das Buch wurde schnell ein riesiger Erfolg weit über Großbritannien hinaus. Die gesundheitlich bereits angeschlagene Pat O'Shea fand sich plötzlich als weltweit beachtete Bestseller-Autorin wieder, deren Debutwerk in fünf Sprachen übersetzt wurde. Heute gilt "Die Meute der Mórrígan" als Klassiker des Jugendbuchs, den beispielsweise die Süddeutsche Zeitung für die Fantasy-Sparte ihre Jungen Bibliothek auswählte. Später schrieb Pat O'Shea noch einige Kapitel für eine Fortsetzung, die jedoch nie veröffentlicht wurde. 1988 erschien ein zweites Jugendbuch aus ihrer Feder, " Finn MacCool and the Small Men of Deeds, das bisher nicht auf Deutsch vorliegt. Auch hier zog sie viele Inspirationen aus der keltischen und speziell irischen Mythologie. 2007 verstarb Pat O'Shea.

In den dreizehn Jahren, bevor sie "Die Meute der Mórrígan" schließlich mit der Welt teilte, arbeitete die Autorin jedes Wort sorgfältig aus. Vieles in dem Roman liest sich auf den ersten Blick wie aufs Geratewohl dahingeschrieben, aber wenn man genauer hinsieht, merkt man schnell, dass jedes Wort genau so ist wie es sein muss.

Bei allen Abenteuern und aller Intensität kommt auch der Humor nicht zu kurz. Die Autorin schafft es dabei, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, ohne aber je in Albernheit abzugleiten. Es gibt viele Szenen, über die man als Leser laut lachen kann, etwa wenn die beiden Schwestern sich auf ungewöhnliche Art einrichten: Die Möbel für das erschlichene Häuschen ganz nahe bei Pidge und Brigits Zuhause lassen sie mal eben in einem Kaufhaus in die Lüfte steigen und zu sich fliegen. Am Zielort winken sie die Flugobjekte mit Tischtennisschlägern zur Landung ein. Ein anderes Beispiel sind Brigits Überlegungen, warum sie den sieben Maines keine Schokolade angeboten haben. Die sind nämlich nur noch die abgeschlagenen Köpfe von großen Helden aus der irischen Folklore, und wenn da nur noch die Köpfe im Ackerboden stecken – wohin sollen sie dann die Schokolade herunterschlucken?

Der Auftritt der sieben Maines zeigt zugleich, dass "Die Meute der Mórrígan" für sehr junge Leser eventuell zu gruselig sein könnte. Aber wer alt genug ist, das Buch selbst zu lesen, sollte damit fertigwerden, notfalls an Mama oder Papa gekuschelt. Auf der anderen Seite gibt es eigentlich keine Begrenzung. Jedenfalls sollte sich kein erwachsener Leser von dem Etikett "Jugendbuch" abhalten lassen. Wer sich wenigstens ein bisschen Humor und den berühmten "sense of wonder" bewahrt hat, wird mit diesem Roman so manche schöne Stunde verbringen.

Fazit:
"Die Meute der Mórrígan" ist ein wunderbar erzähltes Jugendbuch, das stark auf Motive und Figuren der keltischen Mythologie zurückgreift. Mit ihrem ruhigen, geradezu anti-hektischem Ton erinnert Pat O'Shea an Größen wie Terry Pratchett, Tad Williams oder Peter S. Beagle. Trotz oder gerade wegen der bewußten Langsamkeit ist für Intensität und Humor überreich gesorgt. Was auf den ersten Blick so leicht daher kommt, wie der Großvater, der sich für die Enkel am knisternden Kamin eine Geschichte ausdenkt, profitiert von den dreizehn Jahren, die die Autorin an jedem Wort der Geschichte gefeilt hat.

Die Meute der Mórrígan - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Pat O'Shea
Die Meute der Mórrígan
The Hounds of the Mórrígan

Übersetzer: Bettine Braun
Erscheinungsjahr: 2009



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Süddeutsche Zeitung / Bibliothek

Preis:
€ 8.90

ISBN:
978-3866157361

512 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Wunderbar erzählt
  • Im positiven Sinne langsam, trotzdem intensiv
  • Lustig und voller Fantasie, ohne ins Alberne abzugleiten
  • Die mythischen Gestalten und Themen werden behutsam modernisiert, ohne dass sie ihre Allgemeingültigkeit verlieren
Negativ aufgefallen
Die Bewertung unserer Leser für dieses Book
Bewertung:
1
(1 Stimme)
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Rezension vom: 04.12.2011
Kategorie: Fantasy
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