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Der Hauptmann von Köpenick

Story:
Berlin, zur Zeit Kaiser Wilhelms II. Der arbeitslose Schuhmacher Wilhelm Voigt kommt direkt aus der Haftanstalt, wo er nach verschiedenen Vergehen die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat. Jetzt möchte er ein ehrliches Leben führen und erhofft sich eine Stelle in den gerade aufkommenden Fabriken. Aber das ist leichter gesagt als getan: Ohne Aufenthaltspapiere stellt ihn niemand ein, und ohne Arbeitsnachweis gibt ihm kein Bezirk eine Aufenthaltserlaubnis.

Währenddessen tritt eine Hauptmannsuniform den Weg durch mehrere Hände an. Zuerst maßgeschneidert, dann in Zahlung gegeben, dann umgearbeitet, zuletzt an einen "Kleiderjuden" verkauft wird sie von Voigt erworben. Denn bekanntlich machen Kleider Leute, und eine Uniform kann aus einem vorbestraften Habenichts einen respektablen Offizier machen.

Und so taucht unerwartet ein Hauptmann im Rathaus von Köpenick auf, verhaftet den Bürgermeister und den Kämmerer und beschlagnahmt die Stadtkasse...

Meinung:
Wilhelm Voigt ist eine historische Gestalt, und den Überfall auf das Rathaus von Köpenick hat es tatsächlich gegeben. Ein Vierteljahrhundert später hat Carl Zuckmayer die Geschichte als Grundlage für eine Tragikomödie genommen, die sich mit Obrigkeitshörigkeit und Militärfetischismus beschäftigt.

Carl Zuckmayer war einer der erfolgreichsten deutschen Dramatiker des 20. Jahrhunderts. In Rheinhessen geboren, erlebte er den Ersten Weltkrieg als Freiwilliger. Anschließend studierte er Naturwissenschaften in Frankfurt/Main und Heidelberg, wandte sich aber dann dem Theater zu. Der Durchbruch gelang ihm mit volkstümlichen Stücken wie "Der fröhliche Weinberg". Der 1931 uraufgeführte "Hauptmann von Köpenick" war Zuckmayers größter Erfolg. Das Stück wurde mehrfach verfilmt, unter anderem mit Heinz Rühmann in der Titelrolle. Später ging Carl Zuckmayer unter dem Druck der Nazis ins Exil in die USA. Er starb 1977 in der Schweiz.

Die eigentliche "Köpenickiade" dient dem Autor als Höhepunkt seines Stückes, Voigt und die Uniform treffen erst im letzten Drittel zusammen. Bis dahin erzählt er eine fiktive Vorgeschichte, in der der arbeitslose Schuhmacher wieder und wieder versucht, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Aber Bürokratie und die grenzenlose Bewunderung für alles Militärische im Deutschland seiner Zeit hindern ihn daran. Beispielsweise wird er im Polizeirevier Rixdorf von Pontius zu Pilatus geschickt, um dann kurz vor Dienstschluss die Tür vor der Nase zugeschlagen zu bekommen – die Angelegenheiten eines feschen Leutnants haben natürlich Vorrang. Daraufhin wird er wieder ausgewiesen, trotz zweier Eingaben beim Amt: "Für die erste hattense kein Interesse, für die zweite keene Zeit", wie Voigt seinem Schwager erklärt.

Mit dieser und ähnlichen Szenen treibt Zuckmayer die Quintessenz, die er aus der realen Köpenickiade zieht, auf die Spitze: Sobald eine Uniform und militärische Rangabzeichen im Spiel sind, glaubt und akzeptiert der wilhelminische Untertan alles. Umgekehrt gilt der bloße Zivilist im Zweifel überhaupt nichts. So kann sich beispielsweise Hauptmann von Schlettow, für den die Uniform ursprünglich maßgeschneidert wurde, nicht gegen einen einfachen Grenadier durchsetzen, denn der trägt Uniform, während von Schlettow in Zivil ist. Voigts Schwager freute sich schon seit Wochen auf eine erwartete Beförderung zum Vizefeldwebel der Reserve. Aber als die aus Budgetgründen gestrichen wird, nimmt er es widerspruchslos hin und ist regelrecht entsetzt, als Voigt die Obrigkeit in Zweifel zieht. Und als die Tochter der Köpenicker Bürgermeisters, wo die Uniform auf ihrer Reise ironischer weise ebenfalls Station macht, auf einer Party als "Hauptmann" auftritt, stehen die anderen Besucher beim Anblick der Rangabzeichen ganz automatisch stramm.

Diese deutliche Botschaft bringt Zuckmayer mit so viel Humor, Lokalkolorit und treffend ausgearbeitetem Personal an den Mann, dass der belehrende Zeigefinger dem Leser nicht übel aufstößt. Der Autor lässt seine Figuren in Mundarten und Dialekten von Bayern bis Norddeutschland, vom Elsass bis Ostpreußen sprechen, die meisten natürlich in Berliner Mundart. Dabei braucht er oft nur wenige Sätze und Regieanweisungen, um einen Charakter zu formen. So leidet der Leser regelrecht mit, wenn das junge, kranke Mädchen, das Voigts Schwester aufgenommen hat, schließlich doch stirbt. Gleichzeitig machen alle Episoden psychologisch Sinn und treiben die Handlung zum Höhepunkt, zur eigentlichen Köpenickiade.

Man kann "Der Hauptmann von Köpenick" auf verschiedene Art und Weise lesen. Zum einen ist das Stück eine Posse, die sich über Obrigskeitshörigkeit und den preußischen Militarismus lustig macht. Hier fällt heutigen Lesern das Lachen um so leichter, weil zumindest die meisten von uns heute nicht mehr darauf gedrillt sind, beim Anblick einer Offiziersuniform sofort "die Knochen zusammenzureißen". Auch die Sympathien sind klar verteilt: Die auftretenden Offiziere, Beamte und sonstige Funktionsträger sind Ziel des Spotts, während man mit Voigt eher Mitgefühl entwickelt. Dabei orientiert sich Zuckmayer mehr an der vermutlich geschönten Erklärung, die Voigt nach dem Überfall für seine Tat angab, als an der Historie. Im Stück stellt sich der "Hauptmann" etwa selbst den Behörden, während er tatsächlich beim Frühstück verhaftet wurde, nachdem ein ehemaliger Zellengenosse der Polizei einen Tipp gegeben hatte.

Man kann das Stück aber auch als bittere und unverblümte Anklage gegen die erwähnten Charaktermängel lesen sowie gegen eine unmenschliche Bürokratie, die nicht für die Bürger, sondern vor allem für sich selbst da ist. Und diese Probleme hat die Menschheit auch rund ein Jahrhundert nach dem "Hauptmann von Köpenick" nicht vollständig ablegen können.

Fazit:
Aus der realen "Köpenickiade" macht der Dramatiker Carl Zuckmayer eine Tragikomödie, die ebenso mit ihrem Humor und den treffenden Charakterzeichnungen wie mit ihrer Kritik an Untertanengeist und Militärfetischismus überzeugt.

Der Hauptmann von Köpenick - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Carl Zuckmayer
Der Hauptmann von Köpenick
Erscheinungsjahr: 1961



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Fischer Taschenbuch Verlag

Preis:
€ 6,95

ISBN:
978-3-596-27002-6

144 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Aus einer realen Geschichte macht Zuckmayer eine Tragikomödie, die auf beiden Gebieten funktioniert
  • Glaubhafte Figuren
  • Beissende Kritik an Untertanentum und preussischem Militärfetischismus
Negativ aufgefallen
  • Voigt wird positiver dargestellt, als er vermutlich tatsächlich war
Die Bewertung unserer Leser für dieses Book
Bewertung:
1
(1 Stimme)
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Rezension vom: 20.10.2010
Kategorie: Allgemeine Belletristik
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