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Der Fall Jane Eyre

Story:
England in den 1980ern – jedoch nicht das uns vertraute England. Das Land liegt seit 130 Jahren mit dem zaristischen Russland im Krieg um die Krim, Wales ist eine selbständige Volksrepublik, Luftschiffe sind Massentransportmittel und Genmanipulation gibt es als Baukasten für den Hausgebrauch zu kaufen.

Kunst und Literatur spielen eine enorme Rolle im Leben der Menschen. Gleich mehrere Sekten erklären den Leuten an der Haustür, wer die Shakespeare zugeschriebenen Werke ihrer Meinung nach tatsächlich verfasst hat. Die Liebhaber unterschiedlicher Kunstrichtungen gehen sich schon mal gegenseitig an die Gurgel oder liefern sich handfeste Straßenschlachten. Da ist es kein Wunder, dass es beim SpecOps, dem Special Operations Network, neben den Sektionen TerrorBekämpfung oder der ChronoGarde (die den Zeitstrom in Ordnung hält) auch SO-27 gibt. Die LiteraturAgenten kümmern sich um alle Verbrechen, die mit Büchern zu tun haben; sie entlarven Fälscher, verfolgen Raubdrucker und schützen wertvolle Originalmanuskripte vor Räubern.

Thursday Next ist eine solche LitAg in London. Ihr relativ geruhsames Leben gerät plötzlich durcheinander, als sie zu den hochgeheimen Kollegen von SO-5 abgestellt wird. Denn hinter dem Diebstahl des Originals von Martin Chuzzlewit steckt offenbar Acheron Hades. Thursday kennt den Meisterverbrecher noch aus der Zeit, als er ihr Dozent an der Universität war. Der Dritte auf der Liste der meistgesuchten Personen im Land verfügt über übernatürliche Fähigkeiten, die ihn beinahe unangreifbar machen, und begeht die grausamsten Verbrechen um ihrer selbst willen. Aber was will Hades mit dem Manuskript? Ein einfacher Diebstahl oder eine Erpressung wäre eigentlich unter seinem Niveau. Der Versuch, Hades festzunehmen, geht jedenfalls gründlich schief, Thursday überlebt als Einzige, schwer verletzt.

Als dann in Thursdays Krankenzimmer ein grellbunter Porsche wie aus dem Nichts erscheint, mit ihr selbst am Steuer, und sie sich selbst mitteilt, dass Hades noch lebt, ist klar, dass die Abenteuer gerade erst begonnen haben. Denn Hades geht es nicht um das Manuskript – ihm geht es um die literarischen Figuren in dem Buch. Denn was würden die Millionen Fans weltweit sagen, wenn jemand, beispielsweise, Jane Eyre aus ihrem Roman entführte und als Geisel nähme?

Meinung:
Diebstahl, Entführung, Mord – eindeutig ein Krimi. Kernfusion, Genmanipulation, Plasmagewehre – eindeutig Science Fiction. Werwölfe, Vampire, übersinnliche Manipulation des Verstandes – eindeutig Fantasy. Oder doch eine Alternativweltgeschichte, eine Komödie oder eine Satire über die mangelnde oder zu große Bedeutung von Kunst und Literatur in unserer Welt? Genau das ist Der Fall Jane Eyre, alles davon und noch einiges mehr. Jasper Fforde hat ein vielschichtiges und hochintelligentes Buch geschaffen, das von ebenso absurden wie einfach nur witzigen Ideen nur so übersprudelt.

Beispielsweise betrachtet Thursdays Vater, ehemaliger ChronoGardist und heute von seinen alten Kollegen gejagt, Zeitpunkte eher wie Orte: "Ich war neulich in '78", wie wir "Ich war neulich im Theater" sagen würden. Viele Menschen gehen in ihrer Verehrung für ihren Lieblingsdichter so weit, dass sie sich offiziell in "John Byron" oder "Samuel Coleridge" umtaufen lassen. Aber nach einer Kneipenschlägerei, bei der das Opfer, der Täter, der Wirt, der Zeuge, der festnehmende Polizeibeamte und der Richter Alfred Tennyson hießen, werden die Dichterfans per Gesetz durchnummeriert, mit einer Tätowierung hinter dem Ohr. Dass eine Geheimgesellschaft sich herabstürzenden Meteoriten verschrieben hat und versucht, die glühenden Gesteinsbrocken mit Baseballhandschuhen aufzufangen, fällt da gar nicht weiter auf.

Aber Fforde ergeht sich nicht nur in spleenigen Ideen, er hat auch eine richtig gute Geschichte mit richtig guten Figuren geschrieben. Thursday Next ist Veteranin des Krimkriegs, liebt nach wie vor ihren Ex-Freund, von dem sie sich vor zehn Jahren getrennt hat, und bricht bei ihren Ermittlungen schon mal die eine oder andere Vorschrift. Der große Antagonist Acheron Hades begeht seine Verbrechen um ihrer selbst willen, ein monetärer Gewinn dabei ist zwar nicht völlig unerwünscht, verwässert aber den "unvergleichlichen Geschmack der Niedertracht". Bezeichnungen wie Dieb, Erpresser und Mörder empfindet er als Schmeicheleien, nur "verrückt" sollte man ihn besser nicht nennen, wenn man überleben möchte. Wobei: Begegnungen mit Acheron Hades überleben generell nur die wenigsten.

Auch die Handlung hätte jedem hard boiled-Kriminalroman gut zu Gesicht gestanden. Thursday muss sich gegen einen übermächtigen Gegner behaupten und kann dabei nicht immer auf die Hilfe ihrer Kollegen und Vorgesetzten bauen. Im Gegenteil, die Goliath Corporation, die England nach der zeitweisen Besetzung durch Nazideutschland wieder aufbaute und das Land inklusive der SpecOps bis heute fest im Griff hat, verfolgt ihre ganz eigenen Interessen. Und auch die große Politik, der seit Jahrzehnten festgefahrene Krieg auf der Krim und die gespannte Ruhe an der Grenze zum sozialistischen Nachbarland Wales spielen immer wieder in die Geschichte.

Jasper Fforde (der selbst aus Wales stammt, daher auch das doppelte F) hat mit dem ersten Band der Abenteuer von Thursday Next einen faszinierenden Roman vorgelegt, der dem Leser einiges abverlangt. Der Fall Jane Eyre chargiert zwischen den Genres hin und her, und wirkt dabei in jedem davon absolut stimmig. Nur selten sind die Witze etwas plump geraten, wie bespielsweise wenn der einzige SpecOps-Angehörige in Swindon, der für die Bekämpfung von Vampiren und Werwölfen zuständig ist, ausgerechnet Stoker heißt. Aber auch das wird sofort wieder gebrochen, denn dieser Stoker trägt Rasta-Locken, das Hemd aufgeknöpft bis zum Nabel und lässt sich "Spike" nennen. Als Leser muss man aufpassen, nichts zu verpassen und ständig auf den sprichwörtlichen Hinterfüßen bleiben, um mit Ffordes Eskapaden Schritt zu halten. Aber man hat einen Heidenspaß dabei.

Aktuell liegen auf Deutsch drei weitere Abenteuer von Thursday Next vor; im Original liegt ein fünfter Band vor, und der sechste ist für 2010 eingeplant. Das ist auch gut so, denn der Leser wird nach dem Schluss des ersten Bandes begierig nach weiterem Lesestoff der gleichen Qualität sein.

Fazit:
Ein ebenso skurriler wie intelligenter Parforceritt für alle, die Spaß an Anhaltern, Wunderländern und Rittern mit Kokosnüssen haben.

Der Fall Jane Eyre - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Jasper Fforde
Der Fall Jane Eyre
The Eyre Affair

Übersetzer: Lorenz Stern
Erscheinungsjahr: 2007



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
dtv

Preis:
€ 8,95

ISBN:
978-3423210140

375 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Ein intelligenter Parforceritt ohne falsche Angst vor literarischen Säulenheiligen
  • Der Autor sprüht geradezu vor skurillen Ideen
Negativ aufgefallen
Die Bewertung unserer Leser für dieses Book
Bewertung:
1
(2 Stimmen)
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Rezension vom: 05.05.2009
Kategorie: Allgemeine Belletristik
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