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Wanderer zwischen den Zeiten

Story:
Der junge Anton Leib verbringt die Ferien bei seinem Großvater. Zwar langweilt er sich bei dem alten Uhrmacher fast zu Tode, aber seine Eltern sind beruflich im Ausland und können ihn nicht mitnehmen. Aber eines Tages wird sein Leben aufregender als ihm lieb ist: Im Uhrturm des Münsters kommt es zu einem mysteriösen Unfall, und Anton fühlt sich unwiderstehlich zu der Uhr hingezogen. Als er sich eines Nachts aus dem Haus schleicht, gelangt er durch das Zifferblatt der Uhr in eine magische Welt.

Die hatte einer seiner Vorfahren vor Jahrhunderten bei alchimistischen Experimenten versehentlich geschaffen. Aber nun ist die Existenz dieser Welt bedroht, und ihr Untergang könnte auch Antons Welt mit ins Verderben reißen. Der jüngste Sproß der Familie Leib ist der einzige, der das Unheil vielleicht noch aufhalten kann...

Meinung:
Wenn Erwachsene Jugendsprache sprechen wollen, klingt das meist ungewollt komisch. Denn das, was sie für Jugendsprache halten, hinkt der Sprache der aktuellen Jugend meist um mindestens ein, zwei Generationen hinterher. Daran fühlt man sich erinnert, wenn man "Wanderer zwischen den Zeiten" liest.

Denn es handelt sich eindeutig um ein Jugendbuch. Die Hauptfigur ist ein Kind, auch wenn sein Alter nicht genannt wird. Anton erlebt unglaubliche Abenteuer und wird dort zum Helden, wo die Erwachsenen nichts ausrichten können. Es gibt nur einen einzigen Handlungsstrang, und die Moral von der Geschicht wird gelegentlich mit etwas gröberem Pinsel gemalt als aus "Erwachsenenbüchern" gewohnt.

Aber es handelt sich ebenso eindeutig um ein Jugendbuch, das von einem Erwachsenen geschrieben wurde. Die Sprache ist recht gewunden und man muss als Leser gelegentlich bewusst darauf achten, ihren Verästelungen zu folgen. Das erfordert ein gewisses Maß an Selbstdisziplin, zu der nicht jeder junge Leser bereit sein wird. Die berühmte suspension of disbelief, das zeitweise Beiseiteschieben aller Zweifel an einer eigentlich unglaublichen Geschichte und das Akzeptieren als wahres Geschehen, funktioniert praktisch überhaupt nicht. Und wenn der Autor, in Gestalt von Antons Begleiter Krox, bereits Formulierungen wie "spitzenmäßig" mit "Eine Sprache habt ihr in eurem Jahrhundert" kommentiert, merkt man, dass er von der tatsächlichen Lebensgefühl heutiger Jugendlicher ein ganzes Stück entfernt ist. "Wanderer zwischen den Zeiten" ist erstmals 1997 erschienen. Es gibt Jugendbücher, die Jahrzehnte älter sind, sich aber trotzdem deutlich aktueller lesen. Dass Christopher Zimmer für sein Erstlingswerk "Die Steine der Wandlung", den Vorgänger dieses Romans, den Wolfgang-Holbein-Preis erhalten hat, ist angesichts dessen eigentlich überraschend. In "Wanderer zwischen den Zeiten" hat der studierte Theaterwissenschaftler, Kunstgeschichtler und Germanist jedenfalls wenig Preiswürdiges abgeliefert.

Die Geschichte funktioniert über Teile erstaunlich gut, in anderen Teilen wieder fast gar nicht. Wenn Anton sich fast physisch vom Münster und dessen Uhr angezogen fühlt, kommt enorme Spannung auf. Auch wenn man sich beinahe durchgängig bewusst bleibt, eine erfundene Geschichte zu lesen, man will unbedingt wissen, wie es weitergeht. An anderen Stellen wird der pädagogische Zeigefinger zu deutlich und das Buch schlägt in Langeweile um. Als Anton sich etwa der Macht, die er in der magischen Welt besitzt, gewahr wird, kann man sich an zweieinhalb Fingern abzählen, dass er sich zum Missbrauch dieser Macht hinreißen lässt. Der Autor achtet aber darauf, dass das keine nennenswerten Folgen hat, es läuft fast wie in einer Sandbox ab: Einer Sandkiste, in der Kinder spielen können, ohne dass ihnen von außen Gefahr droht oder sie außerhalb etwas kaputt machen können.

Der Plot selbst zeigt durchaus brauchbare Ansätze. Seine Grundstruktur geht zwar nicht wirklich über andere Jugendgeschichten hinaus, aber an vielen Stellen beweist Zimmer Fantasie. Die Erklärung etwa, warum das Experiment, dem Leibs Kreisel seine Existenz verdankt, so aus dem Ruder gelaufen ist dürfte auch erfahrene Fantasy-Leser beeindrucken. Die Bewohner der magischen Welt und die Regeln, mit denen sie ihr Leben organisieren, sind merklich mit Sorgfalt und Liebe ausgestaltet worden. Aber das kann die oben erwähnten Schwachpunkte leider nicht kompensieren.

Auffällig ist die überaus genaue Verortung des Geschehens in der "realen" Welt. Der Autor nennt den Namen des Radioprogramms, das in der Werkstatt von Antons Großvater läuft (es handelt sich übrigens um den inzwischen wegfusionierten SWF 3), die Radionachrichten beziehen sich auf reale politische Ereignisse und Kriege. Und wenn Anton durch den fiktiven Ort Hochmünster läuft, scheint Zimmer Wert darauf zu legen, den Namen jeder Straße auf seinem Weg zu nennen. Möglicherweise soll die magische Welt von Leibs Kreisel dadurch um so fantastischer wirken. Allerdings passiert genau das Gegenteil: In Leibs Kreisel hat die Fantasie des Lesers deutlich mehr Möglichkeiten, die Welt über die Beschreibung im Buch hinaus auszugestalten, ihr sozusagen Fleisch zu verleihen. Dadurch fühlt sich der fantastische Teil des Romans greifbarer, um nicht zu sagen realer an als derjenige, der in einer fiktiven Ausgabe unserer realen Welt spielt.

Insgesamt kann man "Wanderer zwischen den Welten" durchaus Kindern ab etwa dem Ende der Grundschule in die Hand drücken. Man sollte sich aber nicht darauf verlassen, dass sie das Buch nicht doch relativ schnell zugunsten von Spielekonsole & Co. beiseite legen, oder auch für ein fesselnderes Buch. Das könnte auch so manchem erwachsenen Leser so gehen.

Fazit:
Ein eindeutiges Jugendbuch, das ebenso eindeutig von einem Erwachsenen geschrieben wurde und nicht zuletzt deshalb nicht wirklich "funktioniert". Aber auch sonst gibt es einige Kritikpunkte, die von den positiven Seiten wie der fantasiereichen und sichtbar sorgfältigen Ausgestaltung der fantastischen Welt nicht aufgewogen werden können.

Wanderer zwischen den Zeiten - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Christopher Zimmer
Wanderer zwischen den Zeiten
Erscheinungsjahr: 2000



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Heyne Verlag

ISBN:
3-453-16136-X

252 Seiten
Positiv aufgefallen
  • In die Welt von Leibs Kreisel und seine Bewohner ist merklich viel Sorgfalt und Fantasie geflossen
  • Abschnitte sind, sogar ohne suspension of disbelief, richtig spannend
Negativ aufgefallen
  • Die Sprache ist zu gewunden, als dass man richtig schmökern könnte
  • Die suspension of disbelief funktioniert praktisch gar nicht
  • Das, was der Autor sich unter Jugendlichen vorstellt, ist inzwischen sichtbar angestaubt - und war es auch schon, als der Roman geschrieben wurde
  • Gelegentlich geht der Pädagoge mit dem Autor durch, inklusive sorgfältiger Vermeidung tatsächlicher Konsequenzen für die Charaktere
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Rezension vom: 12.03.2012
Kategorie: Fantasy
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