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Der Preisträger 2006: Orhan Pamuk
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Orhan Pamuk bei der Arbeit
Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk. Die Schwedische Akademie möchte damit einen Autor auszeichnen, der „auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Heimatstadt Istanbul neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden hat.“ Horace Engdahl, der Sekretär der Akademie, meinte nach der Bekanntgabe: „Es gibt wohl kaum einen Autor in der Weltliteratur, der so faszinierende Stadtschilderungen schreiben kann wie Pamuk.“ In seinen Romanen flechte Pamuk seine „fließende Fantasie“ zu „faszinierenden Mustern“ zusammen. Orhan Pamuk ist der erste türkische Autor, der mit dem Nobelpreis für Literatur auszeichnet wurde.

Orhan Pamuk wurde am 7. Juni 1952 in Istanbul geboren. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie der Mittelklasse. Sein Großvater hatte sein Vermögen im Eisenbahnbau erworben, auch Pamuks Vater und Onkel waren Ingenieure. In seiner Jugend wollte Pamuk Maler werden; nach dem Abschluss am Robert College studierte er an der Technischen Universität Istanbul Architektur. Im Alter von 22 Jahren entschied er sich dann dafür, seine Ambitionen als bildender Künstler zu begraben und wechselte an die Istanbul-Universität. Dort machte er einen Abschluss als Journalist, arbeitete aber nie in diesem Beruf. Als er 23 Jahr alt war, entschloss Orhan Pamuk sich dazu, Autor zu werden, zog sich in seine Wohnung zurück und begann zu schreiben. Sieben Jahre später, im Jahr 1982 erschien sein erster Roman „Cevdet Bey and His Sons“.

Darin schildert der Autor das Leben einer reichen Familie im Istanbuler Stadtteil Nisantasi, in dem auch Pamuk aufgewachsen ist. Zuerst hatte Pamuk Probleme, einen Verlag für seinen Roman zu finden. Als der Roman dann erschienen war, verkaufte er im ersten Jahr direkt 2.000 Exemplare. „Cevdet Bey and His Sons“ wurden sowohl mit dem Orhan Kemal-Literaturpreis als auch mit dem Milliyet-Literaturpreis ausgezeichnet. Pamuks nächster Roman, „The Silent House“, gewann in französischer Übersetzung den Prix de la découverte européene. Sein nächstes Buch, „Die weiße Festung“, erschien ab 1990 in vielen Sprachen, darunter auch in deutscher Übersetzung beim Insel Verlag, und brachte Orhan Pamuk in den Fokus der internationalen Literaturszene.

Auch die Verkaufszahlen steigerten sich deutlich. In einem Interview mit dem britischen Guardian im Jahr 2004 sagte Pamuk: „Von meinem ersten Roman wurden in der Türkei im ersten Jahr 2.000 Exemplare verkauft. Das zweite Buch verkaufte bereits 8.000 Exemplare, was sehr positiv war. Aber dann stiegen die Zahlen für das dritte Buch ['Die weiße Festung', d. Red.] auf 16.000 Exemplare, und für das vierte Buch ['Das schwarze Buch', d. Red.] auf 32.000 Exemplare. Also habe ich mit meinen Freunden gescherzt, dass das nächste Buch 64.000 Exemplare verkaufen würde. Aber 'Das Neue Leben' verkaufte 164.000 Kopien im ersten Jahr.“

Mitte der Achtziger ging Orhan Pamuk nach Amerika und lehrte von 1985 bis 1988 als Gastdozent an der Columbia University in New York. Dort entstand auch der größte Teil von „Das schwarze Buch“. Die französische Übersetzung dieses Romans wurde ebenfalls ausgezeichnet, nämlich mit dem Prix France Culture. In der Zeit in New York promovierte auch Pamuks Frau Aylin Turegen, mit der er seit 1982 verheiratet war. 1991 kam Rüya, die Tochter des Paares, zur Welt. Seit dem Aufenthalt in New York lebt Orhan Pamuk wieder in Instanbul und verlässt die Stadt selten für längere Zeit. Heute lebt er sogar wieder in dem Gebäude, in dem er aufgewachsen ist.

Aber Orhan Pamuk hat nicht nur Freunde: Sein Engagement für die Menschenrechte und gegen Zensur hat ihn ins Fadenkreuz rechter bis ultra-rechter Kreise in der Türkei gebracht. Er war der erste Autor aus der muslimischen Welt, der sich gegen die Fatwa und den Mordaufruf gegen Salman Rushdie wandte. Mit seinem einzigen politischen Roman „Kar“ (deutsch unter dem Titel „Schnee“ bei Hanser) gab der Autor Skeptikern, was den Beitritt der Türkei zur EU betrifft, ungewollt Argumente. Eine so spannungsgeladene und in sich zerstrittene Gesellschaft sei nicht in die Europäische Union integrierbar. Dagegen hat sich Pamuk jedoch immer verwehrt: Die Türkei habe sich im Vergleich zu der von ihm beschriebenen Gesellschaft bereits enorm gewandelt.

Ein Interview, das Pamuk Anfang 2005 einer Schweitzer Tageszeitung gab, brachte die Situation zum Eskalieren. Darin rührte der Autor an ein Tabu der türkischen Gesellschaft: Nach 1915 starben im damaligen Osmanischen Reich nach unterschiedlichen Schätzungen 600.000 bis 1,5 Millionen Armenier und 30.000 Kurden bei Massakern und Todesmärschen. Die Türkei weigert sich bis heute, die damaligen Vorkommnisse als Völkermord anzuerkennen; wer sie trotzdem so bezeichnet, findet sich häufig vor Gericht wieder. So auch Orhan Pamuk, dem ein Istanbuler Bezirksstaatsanwalt „Herabsetzung des Türkentums“ vorwarf. Im Januar 2006 wurde das Verfahren eingestellt, weil das türkische Innenministerium eine Stellungnahme ablehnte. Erst Ende September wurde eine andere Schriftstellerin, Elif Shafak, von ähnlichen Vorwürfen freigesprochen. Daraufhin kündigte Ministerpräsident Erdogan eine Initiative zur Änderung des viel kritisierten Paragraphen 301 des türkischen Strafgesetzbuchs an, auf dem die Prozesse beruhten.

2005 war Orhan Pamuk mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden.


Special vom: 12.10.2006
Autor dieses Specials: Henning Kockerbeck
Die weiteren Unterseiten dieses Specials:
Minen, Dynamit und der Nobelpreis: Die Geschichte
Von 1901 bis 2005: Frühere Preisträger
Die Preisträgerin 2007: Doris Lessing
Der Preisträger 2008: Jean-Marie Gustave Le Clézio
Fakten rund um den Nobelpreis für Literatur
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