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Die Unsterblichen und die Toten

Story:
Rafiel ist ein Star. Für seine Auftritte als Tänzer und Sänger kennt ihn jeder, vor allem aber für eine Eigenschaft, die ihn von fast allen anderen Menschen unterscheidet: Er altert und wird eines Tages sterben.

Meinung:
Ist der Tod nicht faszinierend? Die Idee, einen Unsterblichen mitten unter Sterblichen leben zu lassen, haben schon viele Autoren als Ausgangspunkt für ihre Geschichten gewählt, in unterschiedlichen Variationen und mit wechselndem Erfolg. Frederik Pohl geht von der umgekehrten Idee aus: Einige Jahrhunderte in der Zukunft wird an jedem Fötus während der Schwangerschaft eine Operation durchgeführt. Der Eingriff ist nicht ungefährlich, aber wenn er gelingt, ist der Patient de facto unsterblich. Er wird auch mit hundert, hundertfünzig, zweihundert Jahren noch wie ein Mittzwanziger sein. Nur ganz wenige der Kinder, bei denen die Operation misslingt, überleben. Sie sind dann wie Rafiel: Sie sind sterblich.

In einer Gesellschaft, in der der Tod maximal in Form von Unfällen, Mord oder Selbstmord vorkommt, ist der Tänzer damit das Objekt der Neugier. Stellte man früher Zwerge und Krüppel zur Schau, so geht ein gewichtiger Teil von Rafiels Starruhm nicht auf seine – unbestritten überragenden – Fähigkeiten auf der Bühne zurück. Den Rafiel-Stil machen nicht zuletzt die kleinen Unsicherheiten, die Stolperer aus, die das Alter dem Künstler abverlangt.

Pohl zeigt eine Gesellschaft, in der der Verlust des Alterns auch zum Verlust der Bedeutung geführt zu haben scheint. Es mag sein, dass dieser Eindruck auch auf Rafiels Branche zurückgeht, sagt man dem Showbusiness doch schon in unserer Zeit ein gerüttelt Maß an Oberflächlichkeit nach. Aber auch insgesamt ist das der Begriff, mit dem man den Eindruck der Welt in diesem Roman am besten beschreibt: Oberflächlich. Man befasst sich nicht wirklich mit sich selbst, geschweige denn miteinander. Was Du heute nicht kannst besorgen, kannst Du beruhigt auf morgen verschieben, oder auf das nächste Jahrzehnt - man hat ja Zeit. Eine Klatschreporterin spricht fließend Altgriechisch, sie hat ja genügend Zeit, diesem Spleen nachzugehen und die Sprache zu lernen. Nichts ist dringend, nichts hat wirklich Bedeutung, nichts ist wirklich wichtig.

Insbesondere der Tod ist für diese Menschen eher ein Amüsement als ein ernsthaftes Thema. Der Gedanke, dass Rafiel, den sie da auf dem Bildschirm betrachten, schon in wenigen Jahrzehnten nicht mehr da sein wird, sorgt für einen "Thrill", dessen Perversität offenbar keiner mehr so wirklich wahrnimmt. Der Autor macht diese Trivialisierung immer wieder deutlich, etwa indem er eine Serie namens "Dachau" erwähnt. In dieser Komödie spielt eine ehemalige Kollegin von Rafiel eine Nazi-Aufseherin, die von den gewitzten KZ-Insassen mal um mal ausgetrickst wird. Der Leser ertappt sich bei dem Gedanken, dass es so etwas zum Glück nicht wirklich geben kann – bis man realisiert, dass das Konzept nur eine logische Weitentwicklung der realen TV-Serie "Ein Käfig voller Helden" ist.

Diese Leichtfertigkeit allem gegenüber steht natürlich diametral dem gegenüber, was Rafiel empfindet. Für ihn ist die Zeit kostbar, für ihn ist der Gedanke an den Tod viel mehr als ein kurzer wohliger Schauer als zusätzliches Verkaufsargument für eine Videoproduktion. Diesen Widerspruch stellt Pohl gelungen dar. Speziell die erste Hälfte des Buches schwimmt der Leser wie in Watte: Die anderen Charaktere treten Rafiel wieder und wieder zu nahe, meist aus Gedankenlosigkeit. Eigentlich möchte man sie nehmen und ihnen ausführlich und lautstark erklären, warum das alles nicht so leicht und lustig ist – oder besser gesagt, man möchte, dass Rafiel das tut. Aber gleichzeitig ist keiner der anderen Charaktere für Rafiel wichtig genug, hat keiner (wieder dieser Begriff) genügend Bedeutung für ihn, um der Mühe wert zu sein. Man schläft miteinander, man zeugt Kinder miteinander, aber nähere Beziehungen nimmt man nicht auf sich. Und die anderen können ja eigentlich auch nichts dafür, dass sie als Unsterbliche so denken wie sie denken. Rafiel und mit ihm dem Leser fehlt der Widerstand, an dem man sich abstoßen, sich abarbeiten könnte. In diesem Abschnitt könnte mancher Leser versucht sein, den Roman beiseite zu legen: Rafiel wird mal um mal emotional verletzt, aber auch das hat keine wirkliche Bedeutung, keine wirklichen Folgen. Das ändert sich, als eine besondere Frau (wieder) in sein Leben tritt. Sie hat Bedeutung für Rafiel, und ab hier wird das Buch auch merklich "fassbarer".

Man merkt deutlich, dass Frederik Pohl einer der ganz großen Altmeister der Science Fiction ist. Er braucht weder große technische Errungenschaften noch die ferne, ferne Zukunft noch Angriffe durch außerirdische Raumflotten, um seiner Geschichte (man verzeihe die Überstrapazierung des Begriffs) Bedeutung zu geben. Die Geschichte ist von heute aus gesehen nicht allzu weit weitergedreht, und lädt damit dazu ein, was gute Science Fiction ausmacht: Verpackt in eine Geschichte von morgen über das Heute nachzudenken.

Frederik Pohl ist, wie es seine Homepage formuliert, "schon so ziemlich alles gewesen, das man im Gebiet der Science Fiction sein kann, vom enthusiastischen Fan und am Hungertuch nagenden Poeten bis zum Kritiker, Literaturagenten, Lehrer, Redakteur für Bücher und Magazine und, vor allem, Autor". Seine erste Veröffentlichung geht in die 1930er Jahre zurück, seine bisher aktuellste ist aus dem Jahr 2011. Er gilt als der am meisten ausgezeichnete SF-Autor; alleine den Hugo Award konnte er sechs Mal und den Nebula Award drei Mal gewinnen, neben vielen anderen Preisen. Für "Gateway" von 1977 erhielt er beispielsweise vier unterschiedliche Auszeichnungen für den besten Roman des Jahres.

"Die Unsterblichen und die Toten" erschien im Original 1990, die deutsche Ausgabe 1994. Wer einen leicht zu lesenden, oberflächlichen (wieder dieses Thema) Roman erwartet, ist hier falsch. Die Geschichte verlangt ihrem Leser einiges ab. In einem fast ironischen Kunstgriff stellt der Autor an den Beginn jedes Kapitels eine kurze Einführung, die sich liest, als würde sie von einem Off-Sprecher gesprochen. Diese Einführungen erzählen über Rafiel und die anderen Figuren, wie ein Off-Sprecher in einem Videostück mit Rafiel die Handlung abseits der Kamera zusammenfassen würde. Als Zusammenfassung des Romans sei gesagt: Frederik Pohl befasst sich mit einem schweren Thema, nämlich der Sterblichkeit und der daraus resultierenden Bedeutsamkeit der Dinge, auf eine Art, die ebenfalls weit von Oberflächlichkeit entfernt ist. Wenn man bereit ist, sich mit einem Thema auch mal etwas abzumühen, wird man jedoch belohnt.

Fazit:
Altmeister Frederik Pohl dreht ein bekanntes Klischee der Fantastik um: Anstelle eines Unsterblichen unter Sterblichen stellt er einen Sterblichen unter Unsterbliche. Thema ist aber nur auf den ersten Blick die Sterblichkeit, tatsächlich geht es vor allem um die Bedeutsamkeit, die sich aus der Beschränkheit der verfügbaren Zeit ergibt. Passend zum schweren und schwierigen Thema ist auch der Roman nicht leicht und oberflächlich zu lesen. Wer jedoch bereit ist, sich mit dem Thema auch mal etwas abzumühen und emotionalen Belastungen auszusetzen, wird man belohnt – mit einem interessanten Roman und spannenden Ansatzpunkten für eigene Überlegungen.

Die Unsterblichen und die Toten - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Frederik Pohl
Die Unsterblichen und die Toten
Outnumbering the Dead

Übersetzer: Irene Bonhorst
Erscheinungsjahr: 1994



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Heyne Verlag

ISBN:
978-3453077652

156 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Ein kluger Roman über ein schwieriges Thema
Negativ aufgefallen
  • Speziell die erste Hälfte ist nicht immer leicht zu lesen
Die Bewertung unserer Leser für dieses Book
Bewertung:
1
(1 Stimme)
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Rezension vom: 12.11.2012
Kategorie: Science Fiction
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