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Babel-17

Story:
Irgendwann in der Zukunft herrscht Krieg über fünf Galaxien hinweg. Die Allianz, der auch die Menschen angehören, kämpft schon seit Jahrzehnten gegen die sogenannten Invasoren. Seit einiger Zeit richten Sabotageakte große Schäden an, und jedes Mal werden zeitgleich unverständliche Funksprüche aufgefangen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um Anweisungen für die Saboteure handelt. Der Code, in dem die Nachrichten formuliert sind, erhält den Namen Babel-17.

Nachdem die besten Kryptospezialisten der Allianz sich die Zähne an Babel-17 ausgebissen haben, bitten die Generäle Rydra Wong um Hilfe. Die Dichterin gilt, sowohl in der Allianz als auch im Gebiet der Invasoren, als die Stimme ihrer Generation. Zusätzlich verfügt sie über enorme linguistische Kenntnisse.

Rydra erkennt schnell, was den Spezialisten verborgen geblieben ist: Babel-17 ist kein Code, sondern eine komplett eigene Sprache. Die Dichterin ist sich sicher, dass sie ihr Geheimnis enträtseln kann, wenn sie mehr über Babel-17 erfährt. Was sie bisher weiß, hat ihr immerhin verraten, wo der nächste Sabotageakt zu erwarten ist. Kurzentschlossen sucht sie sich ein Schiff und eine Mannschaft und macht sich auf den Weg...

Meinung:
"Babel-17" ist nicht, was es zu sein scheint. Der Beschreibung nach würde man ein Kriegsabenteuer mit Raumschlachten und tapferen Helden vermuten. Tatsächlich ist der Krieg und alles, was damit zusammenhängt, jedoch mehr Kulisse und Anlass für das eigentliche Thema – die Sprache.

In der Sprachforschung gibt es das Konzept der linguistischen Relativität, auch bekannt unter dem Begriff Sapir-Whorf-Hypothese. Danach besteht ein direkter Zusammenhang zwischen unserer Sprache und unserem Denken: Wir können nur das mit Sprache ausdrücken, was wir auch denken können, und wir können nur denken, was wir auch formulieren können. Unsere Sprache mit ihren Strukturen, Möglichkeiten und Grenzen hat also enormen Einfluss drauf, wie wir die Welt begreifen und welche Entscheidungen wir darauf basierend treffen. Das wohl bekannteste Beispiel sind die Abgrenzungen der Begriffe in verschiedenen Farben. Das elektromagnetische Spektrum selbst enthält keine Eigenschaft, die nahelegen würde, beispielsweise von dieser bis zu jener Wellenlänge von "grün" zu sprechen, davor von "blau" und danach von "gelb". Und tatsächlich wird in verschiedenen Sprachen das Spektrum teils sehr unterschiedlich unterteilt. Allerdings ist umstritten, wie weit dieses Prinzip tatsächlich reicht. Denn denkt man die Idee konsequent zu Ende, müssten Übersetzungen von einer Sprache in eine andere grundsätzlich unmöglich sein.

Samuel R. Delany hat aus dieser Idee eine faszinierende Science Fiction-Geschichte geschaffen. Der Autor wurde 1942 in New York als Sohn einer Bibliotheksangestellten und eines Bestatters geboren. Seine Tanten Sadie und Bessie Delany gehörten zu den Pionieren der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Ihre Lebenserinnerungen "Having Our Say", aufgezeichnet von der Journalistin Amy Hill Hearth, wurden in den 1990ern zu einem großen Erfolg, der sich über einhundert Wochen in den Bestsellerlisten halten konnte. Auch Samuel wandte sich früh dem Erzählen zu und veröffentlichte mit nur zwanzig Jahren seinen ersten Science Fiction-Roman, "The Jewels of Aptor". Später schrieb er neben SF auch Autobiographisches, Kritiken anderer Werke oder erotische Literatur. Seine Werke unterscheiden sich stark von "typischer" Science Fiction ihrer Zeit und enthalten starke Einflüsse von experimenteller und Beat-Literatur. Zusammen mit Autoren wie Norman Spinrad, Harlan Ellison oder Roger Zelazny gehört er zu den wichtigsten Stimmen der New Wave SF. Wiederkehrende Themen in seinen Werken sind unter anderem Mythologie, Gedächtnis, Sprache und Wahrnehmung, aber auch Identität, Rasse oder Sexualität. Seit 1975 unterrichtet Delany an unterschiedlichen Universitäten, seit 1988 im Rang eines Professors. Er wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hugo Award und gleich vierfach mit dem Nebula Award.

Einen seiner Nebula Awards erhielt er 1966 eben für "Babel-17", das ein Jahr später auch für den Hugo Award nominiert wurde. Dieser Roman stellt seinen eigentlichen Durchbruch als Schriftsteller dar. Und wenn man die Geschichte liest, wird schnell klar, weshalb. Delany schafft es, ein intellektuell hochspannendes Thema mit einer nicht minder faszinierenden Geschichte zu kombinieren. Dabei muss man nicht unbedingt Linguistik studiert haben, um der Handlung folgen zu können. Ein gewisses Interesse am Thema und keine zu ausgeprägte Denkfaulheit sollte man jedoch schon mitbringen.

Wer die Cyberpunk-Geschichten der 1980er aus der Feder von Autoren wie William Gibson oder Bruce Sterling kennt, dem wird vieles bekannt vorkommen. Sinneseindrücke und die Gedankenwelt der Protagonistin spielen eine gewichtige Rolle, insbesondere in Relation zu dem, was man als objektive Realität kennt. Die meisten der Hauptcharaktere sind in ihrer Gesellschaft nicht etwa als Helden anerkannt, sondern dezidiert Gescheiterte und Außenseiter. Rydra und ihre Mannschaft bewegen sich außerhalb der offiziellen Kanäle und Befehlsstrukturen. Die Perspektive bleibt relativ kleinteilig, anstelle der großen Linien des intergalaktischen Krieges stehen die "kleinen Kreise" der Charaktere im Blickpunkt. Tatsächlich gilt Samuel R. Delany in vielen Dingen als Inspirationsquelle des Cyberpunks.

Ein Zeugnis für die Meisterschaft des Autors ist außerdem, dass etwas an seiner Hauptfigur nicht nervt, was bei vielen anderen übel aufstoßen würde. Rydra ist nahezu perfekt, sie wird als Dichterin verehrt wie keine zweite, spricht unzählige Sprachen, wird von den Männern begehrt, hat ein Kapitänspatent und so weiter und so fort. Aber Delany macht daraus eine sicher nicht alltägliche, aber trotzdem absolut glaubwürdige Figur. Spannung im klassischen Sinne kommt kaum auf, eher eine intellektuelle Neugier, was steckt denn nun genau hinter Babel-17 und wie funktioniert das mit den Sabotageakten? Die Idee, die der Autor am Ende enthüllt, ist ebenso simpel wie genial.

Der Krieg und alles, was damit zu tun hat, bleibt Kulisse. Man erfährt nie, wer die Invasoren genau sind oder warum gekämpft wird. Aber das ist auch nicht wirklich wichtig. Der Krieg findet statt, beeinflusst das Leben aller und die Figuren müssen damit umgehen. Dass Rydras Erkenntnisse, soviel kann verraten werden, auf den weiteren Verlauf der Kämpfe enormen Einfluss haben dürften, wirkt eher wie ein Nebenprodukt, das bei der Lösung ihrer eigentlichen Probleme entstanden ist. An diesen Lösungsversuchen ist der Leser regelrecht hautnah dran, was einerseits zu großer Intensität führt. Das Niveau der sprachwissenschaftlichen Überlegungen, die Rydra anstellt, sorgt allerdings gleichzeitig für so etwas wie intellektuelle Distanz zum Objekt, wodurch die Intensität gelungen ausbalanciert wird.

Eine nette kleine Idee ist es übrigens, die Dichterin vom Werk eines Kollegens und ehemaligen Geliebten berichten zu lassen. Der schrieb das sehr beliebte "Empire Star" über die Abenteuer von Comet Jo. Wir kennen "Empire Star" als SF-Novelle aus der Feder von Samuel R. Delany, die im selben Jahr wie "Babel-17" entstand. Hier erzählt der Autor das Coming of Age von Comet Jo in einer sehr komplexen und verschachtelten Weise, deren Strukturen, Schichten und Reihenfolgen nicht minder wichtig sind als die Handlung selbst.

"Babel-17" ist die richtige Lektüre für jeden, der Science Fiction jenseits großer Raumschiffe und effektgefüllter Raumschlachten sucht. Beides kommt zwar vor, steht aber längst nicht im Zentrum. Wer stattdessen Freude an glaubwürdigen Charakteren, einer interessanten Geschichte und einem gewissen Maß an Stimulation des Intellekts hat, ist hier genau richtig.

Fazit:
Samuel R. Delany erzählt eine Geschichte, die sich deutlich vom SF-Mainstream der 1960er unterscheidet. Die Innenperspektive der Charaktere hat eine große Bedeutung, viel wird über Sinnenseindrücke und die Gedankenwelt vermittelt. Wer gerne die späteren Cyberpunkgeschichten von etwa Gibson oder Sterling liest, wird hier einiges vorweggenommen finden. Der intergalaktische Krieg ist kaum mehr als Kulisse und Anlass für die Geschichte, eigentliches Thema ist die Sprache und ihr Einfluss auf unser Denken. Wer Freude an glaubwürdigen Charakteren, einer interessanten Geschichte und etwas Stimulation seiner intellektuellen Fähigkeiten hat, ist hier genau richtig.

Babel-17 - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Samuel R. Delany
Babel-17
Babel-17

Übersetzer: Barbara Heidkamp
Erscheinungsjahr: 1997



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Goldmann Verlag

Preis:
€ 0,00

ISBN:
3-442-25038-2

250 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Der Autor macht aus einer hochinteressanten sprachwissenschaftlichen Idee eine faszinierende Geschichte
  • Ein eigentlich über-perfekter Charakter wie Rydra Wong hat keinerlei Nervpotential
  • Die Idee, was am Ende hinter Babel-17 steckt, ist ebenso simpel wie genial
Negativ aufgefallen
Die Bewertung unserer Leser für dieses Book
Bewertung:
2
(1 Stimme)
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Rezension vom: 02.10.2011
Kategorie: Science Fiction
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