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Das Wunschtal

Story:
Hugh ist nicht glücklich in seinem Leben. Der junge Mann zieht zwar häufig um, hat aber das Gefühl, in seinem Leben stecken geblieben zu sein. Zwischen seiner Arbeit als Kassierer im Supermarkt und den Ansprüchen seiner Mutter, die sich einerseits als Familienersatz an ihn klammert, ihm andererseits die Schuld daran gibt, dass sein Vater sie verlassen hat, wächst sein Frust immer mehr an. Eines Tages läuft er einfach los, nur weg von allem – und findet sich in einem ruhigen, abgelegenen Waldstück wieder. Irgendetwas besonderes, etwas magisches ist an dem Ort. Schnell wird daraus sein ganz persönlicher Rückzugsort. Aber er ist nicht der einzige dort.

Irene ist nicht glücklich in ihrem Leben. Ihr Stiefvater tyrannisiert die Familie, aber sie bringt es nicht übers Herz, ihre Mutter zu verlassen. Ihr Bruder hat sich von der Familie abgewandt. Schon vor Jahren ist sie zufällig in ein ruhiges, abgelegenes Waldstück geraten. Irgendetwas besonderes, etwas magisches ist an dem Ort. Wandert man dort etwa eine Tagesreise weiter, kommt man zu einer Stadt, wo die Menschen eine fremde Sprache sprechen. Eine Familie dort nimmt Irene auf und wird zu ihrer ganz persönlichen Rückzugsmöglichkeit. Aber sie ist nicht die einzige.

Und der Stadt droht Gefahr. Eine namenlose Bedrohung, über die niemand wirklich sprechen will, könnte ihr Ende bedeuten. Aber es beginnt sich herauszukristallisieren, dass Hugh und Irene die einzigen sind, die Rettung bringen können. Nur zu welchem Preis?

Meinung:
Das große Thema, dem sich Ursula K. Le Guin diesmal angenommen hat, ist die Heimat oder besser, das Zuhause. Wohin gehöre ich, zu wem gehöre ich? Sowohl Hugh als auch Irene haben schlechte Erfahrungen in zwischenmenschlichen Beziehungen gemacht. Für den jungen Mann bedeuten andere Menschen vor allem Arbeit, Verpflichtungen. Das Schöne an dem magischen Land, das er gefunden hat, ist für ihn "dass er hier alleine war, dass er sich nicht mit anderen Menschen, ihren Bedürfnissen, Ansprüchen, Befehlen auseinandersetzen musste". Die junge Frau wiederum hat in der "richtigen Welt" die Erfahrung gemacht, dass menschliche Nähe zu Verletzungen führen kann. "Liebe ist nur ein anderer Ausdruck dafür, wie man jemanden noch mehr verletzten kann", formuliert sie es.

Auch andere Figuren sind in dieser Hinsicht, um es böse auszudrücken, gestört. Hughs Mutter etwa kann es nicht ertragen, in ein leeres, dunkles Haus zurückzukommen. Sie verlangt von ihrem Sohn, dass er nach Feierabend anwesend ist. Das funktioniert aber auch nur eine gewisse Zeit, offenbar bis aus einem neuen Haus ein "Zuhause" geworden ist. Dann ziehen die beiden wieder um, wie schon so oft in den letzten Jahren.

Für beide Protagonisten ist das "Wunschtal" ein Rückzugsort, der Platz, an dem sich die Seele von den Schrammen des Alltags erholen kann. Als sie einander dort begegnen, reagiert Irene extrem aggressiv, die Igeldame stellt die Stacheln auf. Hugh hingegen zieht sich enttäuscht noch weiter in sein Schneckenhaus zurück.

Im Laufe der Zeit nähern sie sich jedoch einander an. Die Autorin verwendet immer wieder geschickte Bilder, um dieses allmählich wachsende Vertrauen zu zeigen. Wenn die beiden beispielsweise auf einer gemeinsamen Wanderung Rast machen und etwas essen, liegt der schmale Pfad wie eine Grenze zwischen ihnen, über der sie sich die gemeinsamen Vorräte teilen.

Interessant ist auch, dass Hughs und Irenes "Wir" ungefähr dann richtig erkennbar wird, als es ein "Ihr" gibt. Die junge Frau beginnt ihr Vertrauen in die Bewohner der bedrohten Stadt zu hinterfragen und wundert sich, welchen Preis sie wohl für ihre Hilfe bezahlen müssen.

Was die Gefahr betrifft, hat sich Le Guin offenbar eine alte Regel des Horrorfilms zu Herzen genommen: Zeige das Monster so spät wie möglich. Die menschliche Fantasie kann unendlich viel größere Schrecken erschaffen als ein Mann im Gummikostüm mit Reißverschluss auf dem Rücken. Und so steigert sich sowohl die Bedrohung als auch das, was von den beiden "Außenweltlern" verlangt wird, sukkzessive.

Von Beginn an sehr deutlich und eindrücklich sind hingegen die Beschreibungen der Autorin. Der Leser fühlt Hughs Frust mit, wenn der mit auf den Asphalt prasselnden Füßen einfach nur läuft, egal wohin. Und er spürt seine Erleichterung in dem zufällig gefundenen Tal. Nicht vielen Autoren fällt es leicht, gerade Landschaftsbeschreibungen einerseits ausführlich genug, um dem inneren Auge Nahrung zu geben, andererseits nicht ausufernd langweilig zu halten. Ursula Le Guin zeigt in diesem Roman, wie man es macht.

In mancher Hinsicht hat das Buch geradezu unangenehme Folgen. Der Leser beginnt sich nämlich zu fragen, bin ich selbst wie Hugh? Bin ich wie Irene? Lasse ich meine Mitmenschen emotional an mich heran? Mancher könnte durch die Lektüre Erkenntnisse über sich selbst gewinnen, an die er lieber nicht gerührt hätte.

Neben den erwähnten Aspekten kann man "Das Wunschtal" auch als Geschichte über das Erwachsenwerden lesen oder unter einer ganzen Reihe weiterer Gesichtspunkte. Man kann es aber auch "nur" als wunderbar erzählte, in mehrerlei Bedeutung des Wortes phantastische Geschichte lesen. Das Zitat des "Wüstenplanet"-Autoren Frank Herbert, mit dem der Verlag auf dem Backcover wirbt, ist schlicht zutreffend: "Ursula K. Le Guin ist einfach eine großartige Erzählerin!".

Dabei treten, nicht gerade häufig in diesem Genre, die fantastischen Elemente in den Hintergrund und machen einer gründlichen Introspektive der beiden Protagonisten Platz. Das geht so weit, dass die zunächst wechselseitig aus Hughs und Irenes Perspektive erzählten Kapitel sich in Atmosphäre und Duktus merklich unterscheiden. Sieht der Leser durch die Augen des jungen Manns, kommt die Geschichte dem nahe, was heute unter dem Begriff "Urban Fantasy" bekannt ist. Irenes Anteil ist eher eine klassische High Fantasy-Geschichte. Die jeweiligen Beschreibungen des Wunschtals fühlen sich zunächst sogar regelrecht inkompatibel an, als würde es sich um völlig verschiedene Orte handeln. Aber wie die Hauptfiguren nähern sich auch die Erzählweisen nach und nach einander an.

Ursula K. Le Guin ist nicht zuletzt für ihre Zyklen wie Erdsee oder Hainisch bekannt. "Das Wunschtal" ist jedoch eine unabhängige Geschichte und kann ohne weiteres Vorwissen gelesen werden. Der 1980 im Original erschiene Roman ist hierzulande im Moment verlagsvergriffen, aber ein wenig Suche im Gebrauchtmarkt lohnt sich in jedem Fall.

Fazit:
Ursula K. Le Guin hat in wunderbar erzählte Fantasy eine Geschichte über Zuhause, über das Zulassen zwischenmenschlicher Beziehungen und vieles mehr geschrieben. Ihre punktgenaue, für verschiedene Charaktere auch unterschiedliche Erzählweise lässt mit Leichtigkeit Bilder vor dem inneren Auge entstehen.

Das Wunschtal - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Ursula K. Le Guin
Das Wunschtal
The Beginning Place

Übersetzer: Hilde Linnert
Erscheinungsjahr: 2001



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Heyne Verlag

ISBN:
978-3453195172

205 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Einfach eine wunderbare Geschichte
  • Man erlebt die Handlung wie durch die Augen der beiden Protagonisten
Negativ aufgefallen
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Rezension vom: 19.12.2010
Kategorie: Fantasy
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