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Interview mit Jean-Christophe Grangé
Splashbooks-Chefredakteur Jano Rohleder hat den Autor von "Die purpurnen Flüsse" auf der Frankfurter Buchmesse 2006 getroffen.

Natürlich müssen wir zuerst etwas über Ihren größten Erfolg sprechen – das Buch, das Sie weltweit bekannt gemacht hat: "Die purpurnen Flüsse". Der Film mit Jean Reno dürfte wohl einiges dazu beigetragen haben. Und Sie selbst haben das Drehbuch geschrieben.
Sind Sie mit dem Film zufrieden oder hätten Sie etwas anders gemacht?

Ich war sehr glücklich darüber, dass es einen Film gab. Klar, für einen Schriftsteller ist es immer eine tolle Neuigkeit, wenn ein Film nach seinem Roman gedreht wird. Außerdem war ich wegen des Regisseurs froh, Mathieu Kassovitz, der einer der besten französischen Regisseure ist. Ich war ebenfalls froh über das Casting, denn ich mag Jean Reno und Vincent Kassel sehr gerne. Die Voraussetzungen haben also gestimmt, um einen guten Film drehen zu können.
Wissen Sie, meine Bücher haben immer etwas Filmisches. Wenn man einen meiner Romane liest, denkt man sich: "Hey, da ließe sich ein schöner Film draus machen!", aber das ist tückisch. Denn in meinem Buch wird einfach zu viel erzählt, um in einen Film zu passen. Man muss also entscheiden, was man beibehält und was man dafür weglässt.
Bei "Die purpurnen Flüsse" haben wir, meiner Meinung nach, zu viel übernommen. Der Film ist wirklich gut gemacht und die Atmosphäre kommt genauso rüber wie in meinem Buch. Aber gleichzeitig gibt es ein Problem mit dem Ende. Im Film versteht man das Ende nicht. Das ist schade.
Ich glaube, Mathieu hat zu viel aus dem Buch übernommen, aber gleichzeitig auch zu viel weggelassen. Man hat all die einzelnen Elemente der Story, aber man kann die Verbindung zwischen ihnen nicht herstellen.
Na ja, die Wahrheit ist: Der Film war sehr erfolgreich. Und wenn etwas erfolgreich ist, ist jeder glücklich. Ich war auch sehr glücklich. Mein Buch war in Frankreich schon vor dem Film ein Bestseller. Aber da keiner das Ende des Films verstanden hat, kaufte jetzt jeder, der den Film gesehen hatte, den Roman, um zu wissen, worum es eigentlich geht.Für mich war es also ein sehr gutes Geschäft. (lacht)
Nach dem Film dürfte ich in etwa noch mal genauso viele Bücher verkauft haben, wie schon zuvor über den Ladentisch gegangen waren. Ja, man kann sagen, dass das für mich sehr gut gelaufen ist.

Im Buch ist die Figur, die Vincent Kassel im Film spielt, eine völlig andere. Während Kassel den relativ normalen Kleinstadt-Polizisten Max Kerkerian darstellt, ist die Romanfigur Karim Abdouf ein eher unkonventioneller Geselle. Ein Beur (Nachkomme nordafrikanischer Einwanderer) mit krimineller Vergangenheit.
Warum wurde diese Figur im Film komplett ausgetauscht?

Ja, im Kino ist das immer so. Wenn man etwas gewinnt, verliert man gleichzeitig etwas. In diesem Fall habe ich meine ursprüngliche Figur verloren, den Beur, den Rebellen. Ich mag diese Figur sehr gerne. Na ja, das haben wir also verloren, aber gleichzeitig haben wir etwas anderes gewonnen. Vincent Kassel ist ein Freund von Mathieu Kassovitz. Ich wusste, dass Mathieu aus Vincent viel herausholen konnte, denn er kennt ihn sehr gut. Vincent Kassel ist ein hervorragender Schauspieler, der zusammen mit Jean Reno ein tolles Team ergeben würde. Die Chemie zwischen den beiden stimmt.
Er ist also kein Beur und entspricht auch sonst nicht wirklich meiner Figur, aber im Endeffekt ist etwas Gelungenes dabei herausgekommen. Für mich ist das schon okay.

Ja, vermutlich wäre es auch schwer gewesen, die ganze Hintergrundgeschichte der Figur in den Film einzubauen.

Wie bereits gesagt, im Buch passiert einfach zu viel und man muss eine Auswahl treffen. Das ist sehr schwer. Nach "Die purpurnen Flüsse" wurde ein anderes meiner Bücher verfilmt: "Das Imperium der Wölfe". Ein ziemlich guter Film, der aber auch viele Probleme hat. Und jetzt gerade aktuell gibt es einen weiteren Film, der im November in die französischen Kinos kommt...

Der steinerne Kreis?

Ja, genau. Ich bin sicher, dass Sie ihn auch bald in Deutschland sehen werden. Der Film ist ebenfalls ziemlich gut. Wissen Sie, Alfred Hitchcock hat immer gesagt, dass man bei der filmischen Umsetzung eines Buches das Buch vergessen muss. Man liest das Buch, vergisst es und behält nur die Story bei, die man dann versucht mit filmischen Mitteln umzusetzen.
Ich denke, Hitchcock hatte Recht. Man muss das Buch vergessen und versuchen die gleiche Geschichte filmisch zu erzählen. Das Kino ist eben etwas ganz anderes.

Sie schreiben auch ab und zu Drehbücher, z.B. das von "Vidocq" oder eben "Die purpurnen Flüsse". Ich habe gelesen, dass Sie Fan von Sergio Leone sind – gibt es einen Film von ihm, den Sie selbst gerne geschrieben hätten?

Oh, da gibt es viele. Aber das ist auch wieder schwierig, denn wenn man ein Drehbuch schreibt, weiß man nie, was für ein Film am Ende dabei herauskommt. Man kann einen Film erst dann beurteilen, wenn er fertig gestellt ist.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Drehbuch beim Lesen manchmal nicht sehr gut zu sein scheint, aber wenn man dann hinterher den Film sieht, ist er hervorragend. Ich habe auch festgestellt, dass man manchmal sehr, sehr gute Drehbücher liest und der Film dann nicht annähernd so gut wird.
Ich kann die Frage also nicht wirklich beantworten. Ich kann aber sagen, dass ich keine Lust mehr habe, fürs Kino zu schreiben. Das ist zu kompliziert, man hat keine Freiheit. Man muss auf zu viele Leute hören. Produzent, Regisseur, Schauspieler, jeder will seinen Senf dazu geben.
Wenn man ein Buch, einen Roman schreiben kann, ist das die beste Variante. Man schreibt seinen Roman, ist alleine, unabhängig, macht genau das, was man machen will. So muss es sein.
Ich habe "Vidocq" geschrieben – eine ziemlich negative Erfahrung –, ich habe mehrere Adaptionen meiner Bücher geschrieben – und es war auch nicht so toll. Also habe ich das Kino jetzt völlig aufgegeben. Das Einzige, was mich zufriedenstellen würde, wäre, meinen eigenen Film zu machen. Aber das ist ein anderer Job. Ich bin Schriftsteller, nicht Regisseur.
In Frankreich sind gerade alle Schriftsteller dabei, sich an Filmen zu versuchen. Klar, im Prinzip kann jeder einen Film machen, denn man hat tausend Leute um sich herum, die einem helfen. Aber es ist dann nicht dein Film.
Wenn man ein Autor ist, hat man kaum Chancen, gleichzeitig ein guter Regisseur zu sein.
Lassen Sie mich nachdenken. Mir fällt ein Beispiel ein. Kennen Sie Paolo Pasolini? Er war ein guter Autor und ein guter Regisseur. Aber das gibt es sehr, sehr selten.

Also haben Sie freiwillig darauf verzichtet, das Drehbuch von "Der steinerne Kreis" zu schreiben?

Das ist eine lange Geschichte. Ursprünglich hatte ich ein Drehbuch geschrieben, aber der Regisseur zog es dann vor, sein eigenes zu schreiben. Also wurde meines vergessen und was Anderes gemacht, das gar nicht mal schlecht geworden ist. Wissen Sie, das ist ein gutes Beispiel. Man hat viel von meinem Buch vergessen, aber die Story beibehalten und versucht, sie mit filmischen Mitteln zu erzählen. Monica Bellucci hat die Hauptrolle. Und ich denke, das Resultat ist ziemlich gut geworden.

Ich glaube, ein deutscher Schauspieler – Moritz Bleibtreu – ist auch dabei.

Ja, genau. Aber, wie gesagt, ich denke, dass das es das Beste für mich ist, wenn ich meine Bücher schreibe und das Kino vergesse. Allerdings ... für mein letztes Buch, "Das schwarze Blut", habe ich gerade die Rechte nach Hollywood verkauft. Somit werde ich erstmals eine amerikanische Verfilmung haben. Man wird sehen, was daraus wird. Die Kraft des amerikanischen Films, die ich jetzt schon spüren kann, sind die Schauspieler. Man trifft sich mit dem Produzenten und er schlägt einem verschiedene Stars vor. In den Vereinigten Staaten gibt es so viele Schauspieler. Man hat die Wahl. In Frankreich hat man sie nicht. Wenn man nicht Jean Reno nimmt, wird es schon schwierig.

Das passt zu meiner nächsten Frage (lacht): In "Das Imperium der Wölfe" sehen wir wieder Jean Reno in der Hauptrolle. Ich habe mich gefragt, ob er ihr Wunschkandidat war ...

Ich mag ihn sehr gerne.

... oder ob man ihn nur genommen hat, weil er der Vorzeige-Franzose für Actionfilme ist.

Tja, da gibt es mehrere Probleme. Das erste ist, dass man beim Kino einen Star braucht. Wenn man keinen Star hat, ist es unmöglich, einen Film zu machen. Denn wenn man keinen großen Namen als Eyecatcher vorweisen kann, kann man nicht zahlen. Man bekommt nicht genug Geld zusammen, einen Film zu drehen.
Also ist klar, dass es immer eine gute Nachricht ist, wenn Jean Reno ja sagt. Denn man weiß dann: "Ok, dein Film wird ..."

... ein Erfolg.

Genau. Man braucht sich keine Sorgen zu machen. Gleichzeitig finde ich aber auch Jean Reno toll, denn er ist ein sehr intensiver Schauspieler. Ich weiß nicht, ob Sie das alte französische Kino kennen. Jean Gabin ist ein sehr bekannter französischer Schauspieler. Ich glaube, Jean Reno ist die gleiche Art von Schauspieler. Sehr intensiv. Man spürt etwas, er hat einfach was. Deshalb mag ich ihn sehr gerne.
Wir haben nur einen anderen, das ist Gérard Depardieu. Ich habe diesen Film mit ihm gemacht, "Vidocq", das war keine so tolle Erfahrung. Und, wissen Sie was? "Die purpurnen Flüsse" wird jetzt in Frankreich zu einer Fernsehserie verarbeitet.

Wie soll denn das gehen?

Ich hab nichts damit zu tun. Sie wollen irgendwas Anderes über die purpurnen Flüsse machen. Und die Hauptrolle, Kommissar Niemans, wird von Gérard Depardieu gespielt. Also, nach Jean Reno jetzt Gérard Depardieu. Nach Gérard Depardieu Jean Reno. (lacht) Wir haben zwei Schauspieler. Tja, das macht die Sache wenigstens einfach.

Ihr letzter Roman, "Das schwarze Blut", ist gerade auf Deutsch erschienen. Darin geht es um einen abgehalfterten Journalisten, der sein großes Comeback schaffen will, indem er gefälschte Briefe an einen verurteilten Mörder schickt. Dieser ist mal Profitaucher gewesen und im Laufe des Romans verfolgen wir seine Spur durch die entlegensten Winkel der Welt. Sie haben mal gesagt, dass Ihre Geschichten erfunden und Sie nicht so ein Autor sind, der etwas aus seinem eigenen Leben einbaut.
Aber gewisse Ähnlichkeiten gibt es da doch schon. Schließlich sind Sie ja auch als Journalist durch die Welt gereist und haben die exotischsten Völker besucht.

Ja, für diesen Roman habe ich ein paar Elemente aus meinem Leben verwendet. Wenn ich sage, dass ich nicht in meinem Buch sein will, dass ich nicht so was wie eine Autobiografie schreiben will, meine ich, dass ich sehr gerne Figuren erfinde, Geschichten erfinde, etwas erfinde, das sich sehr von mir unterscheidet.
In diesem Fall hatte ich die Idee, eine Geschichte über einen Journalisten zu schreiben. Klar, ich war selbst Journalist. Deshalb konnte ich mir erlauben, bei diesem Buch ein bisschen faul sein. Natürlich hätte ich etwas schreiben können, das völlig unterschiedlich zu mir ist, aber ich habe mich dann entschieden, auf meine eigenen Erfahrungen zurückzugreifen und eine Geschichte auf Grundlage dessen zu erzählen, was ich sehr gut kenne.
Aber ich denke nicht, dass die Hauptfigur, Mark, Ähnlichkeiten zu mir hat. Überhaupt nicht. Als ich Journalist war, habe ich nicht über Verbrechen berichtet, sondern Reportagen gemacht. Überall in der Welt. Über Natur, Tiere, Stämme.

Sie haben auch für National Geographic geschrieben.

Ja. Solche Sachen eben. Mit Verbrechen hatten meine Berichte nie etwas zu tun.

Wann kommen Ihnen Ihre Ideen, Inspiration? Ich habe gelesen, dass Sie gerne mal um vier Uhr morgens schreiben und dabei Puccini-Opern hören. Ist das so die typische Zeit?

Ja, ganz typisch. Jeden Tag wache ich um vier Uhr auf, setze meinen Kopfhörer auf und mache mich an die Arbeit. Jeden Morgen. Die beste Zeit zum Arbeiten. Kein Telefon, keine Kinder, kein Lärm. Keiner stört einen. Das ist sehr gut. Ich stehe gerne früh auf. Ich bin dann auch direkt voll in Form. Nicht so jemand, der erst mal zehn Kaffees trinken muss. Absolut nicht. Wenn ich aufwache, denke ich mir gleich: "Ok, los geht's!"

Immer total frisch am Morgen.

Genau. Aber abends könnte ich nicht arbeiten. Nach dem Abendessen geht nichts mehr. Das ist nicht wirklich meine beste Zeit.

Und die Musik lenkt Sie nicht bei der Arbeit ab?

Nein, ich bin daran gewöhnt, Musik zu hören. Manchmal mache ich sie aber auch aus, wenn ich mich stark konzentrieren muss. Aber generell stört sie mich nicht. In der Regel gibt es keinen Zusammenhang zwischen dem, was ich höre und dem, was ich schreibe. Manchmal höre ich mir Filmscores an, was sehr gut ist, wenn man gerade eine Action-Szene schreibt. Dann kann man sich die Musik von ... keine Ahnung ... irgendeinem Actionfilm anhören. Aber normalerweise höre ich Opern, die dann natürlich nicht in Beziehung zum Geschriebenen stehen.

Wie schon erwähnt, waren Sie früher Journalist. 1994 haben Sie beispielsweise eine Reportage über den jungen Formel-1-Star Michael Schumacher gemacht. Tja, heute, zwölf Jahre später, beendet Schumacher seine Karriere. Wie ist es mit Ihnen? Haben Sie je daran gedacht, mal wieder etwas Anderes zu machen?

Wissen Sie, der große Unterschied zwischen dem Job von Schumacher und meinem ist, dass man als großer Sport-Champion schon weiß, dass man relativ früh aufhören wird, mit 30, 35. Als Schriftsteller kann man hingegen schreiben, bis man tot ist. (lacht) Kein Problem.
Nein, ich denke, dass ich wirklich bis zum Ende beim Schreiben bleiben werde. Da bin ich mir sicher. Etwas tun zu können, das man mag, ist eine einmalig große Gelegenheit. Wenn man ein Buch schreibt und das das ist, was man am meisten liebt und es dann auch noch Geld einbringt, ja, dann ist das ein Wunder.
Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber in Frankreich gibt es nur sehr wenige Schriftsteller, die vom Schreiben leben können.

Ja, das ist hier genauso.

Sie haben immer noch einen anderen Job. Lehrer, Journalist, so was in der Art.

Vielen Dank für das Gespräch, Monsieur Grangé.

Interview und Foto: © Jano Rohleder.




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Artikel vom: 01.01.2007
Kategorie: Newsartikel
Autor dieses Artikels: Jano Rohleder
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